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DANCE STARS Magazin | 02.2014

22 | DanceSta rs | Das Tanzmagazin aus Bremen Tänzern wird von Anfang an eingebläut, dass man einen hohen Preis zahlen muss. Und jedem Tänzer, der die harte Ausbildung durchhält, ist klar: ich will diese Opfer bringen. Egal was es kostet. Ein bisschen fühlt es sich an wie Fausts Pakt mit dem Teufel. Jeder Augenblick auf der Bühne ist so wertvoll, dass man wie Faust flü- stern möchte „verweile doch, du bist so schön“, nur noch etwas län- ger. Dabei vergisst man fast, dass der Teufel hinterm Vorhang auf seinen Auftritt wartet. Und eines Tages plötzlich muss man zahlen. Und obwohl man es immer gewusst hat, die Realität dieses Mo- ments trifft einen so unerwartet, als wäre man nie gewarnt worden. Jeder noch so entfernte Bekannte glaubte, ein Recht zu haben, stän- dig zu mahnen. Was wenn es nicht mehr geht? Was willst du später machen? Sicher, einige Gedanken habe ich mir gemacht, aber spä- ter ist später und jetzt bin ich Tänzerin und dieser Beruf ist für mich das wahre Leben und nicht nur ein Zwischenstopp bis man irgend- wann vernünftig wird. Es ist ein Teil meiner Identität. Außenste- hende können das kaum nachvollziehen: „Es ist doch nur ein Job. Man muss trennen zwischen Beruf und Persönlichkeit.“ Doch das ist nicht so einfach. Seit ich denken kann, lautet die Antwort auf die Frage: Wer bin ich?- Ich bin Tänzerin. Wenn ich nun nicht mehr tan- zen darf – wer bin ich dann? Meine Kollegin, eine wunderbare Bal- lerina, die mit 37 das gleiche Schicksal wie ich erfahren hat, sagt ganz kompromisslos und mit ihrer typischen slawischen Leiden- schaft: „Ich wurde geboren um zu tanzen. Es ist ganz klar, dass ich nie wieder etwas so lieben werde wie den Tanz. Für das, was da- nach kommt, suche ich eigentlich nur einen Job, der mich nicht allzu sehr nervt.“ Es klingt ein bisschen, wie aufgeben. Das, was danach kommt, immerhin noch das halbe Leben, scheint nicht mehr viel wert. Es war unsere große Liebe. Und wir müssen akzeptieren, dass die große zentrale Liebebeziehung in unserem Leben gescheitert ist. Scheitern musste. So war es von Anfang an verabredet. Es ist nicht etwa so, dass ich mit 33 über Nacht plötzlich all meine Technik ver- loren hätte. Tatsächlich bin ich immer noch auf der Höhe meiner Kräfte und das macht es umso bitterer. Es ist viel mehr so, dass ich in den nächsten Jahren einen Großteil meiner Kraft verlieren würde und das macht mich für eine neue Show und einen neuen Vertrag nicht mehr attraktiv. Es ist ganz einfach Biologie. Und natürlich ist es rasend unfair. Eben war man noch Künstler, plötzlich ist man verwickelt in Be- triebspolitik und findet sich in einer Anwaltskanzlei wieder. Den Ju- risten interessiert nicht, dass man - wie es bei Chorus Line so schön heißt - „die Beine höher als alle anderen geworfen hat“. Damit für ihn ein Fall daraus wird, möchte er wissen, ob zum Beispiel Ruhe- zeiten eingehalten wurden. Eine absurde Vorstellung. Ich bin Tän- zerin. Selbst wenn man eine Probe um vier Uhr morgens angesetzt hätte, wäre ich eben früh um drei zum Aufwärmen erschienen. Tän- zer wissen oft nichts von ihren Rechten. Nur die Pflichten erfüllen sie mit eiserner Disziplin. Man kommt sich plötzlich etwas dumm vor, dass man so viel gegeben hat und als Gegenleistung mit nichts als Applaus zufrieden war. War die große Liebesbeziehung unseres Lebens am Ende nur eine einseitige? Zum ersten Mal in meinem Leben suche ich Hilfe bei einer Psycho- therapeutin. „Wir behandeln den Verlust des Arbeitsplatzes heut- zutage wie einen Todesfall“, sagt sie, „Es ist der selbe Trauerprozess.“ Parallel dazu arbeiten wir an Zielstrategien und Kompetenzen für eine neue Karriere. Wie oft haben wir in den Gar- deroben gescherzt, dass man als Tänzer nur lächeln und bis acht zählen können muss! Tatsächlich aber gibt es gewisse Kompeten- zen, die später in der Arbeitswelt durchaus gefragt sind. Nur braucht es oft etwas Hilfe von einem Außenstehenden, diese zu er- kennen und zu „übersetzen“. Tänzer lernen schnell und arbeiten hart mit viel Eigeninitiative. Sie sind flexibel und können sich an- passen. Sie reagieren schnell auf Umstellungen. Sie wissen, wie wichtig Proben und gute Vorbereitung sind und dass stetiges Trai- ning und Weiterlernen die Qualität der Arbeit erhält. Sie sind es ge- wohnt, sich einzubringen und ihr bestes zu geben, selbst wenn ein Stil oder Endprodukt nicht unbedingt ihrem Geschmack entspricht. Sie können mit Menschen aus aller Welt eine gemeinsame Arbeits- basis finden und sprechen oft mehrere Fremdsprachen. Das sind ei- gentlich gute Ausgangspunkte. Aber auf einem Arbeitsmarkt voll junger Studienabgänger ist es schwer, seinen Fähigkeiten zu ver- trauen oder sich als einen wertvollen Kollegen zu verkaufen. Ein guter Freund von mir kann auf eine beispielhafte Broadway-Kar- riere zurückblicken, ein Lebenslauf von dem man nur träumen kann: American Ballet Theatre, Chicago, Guys and Dolls, La Cage aux Folles, Solorollen, Welttournéen, Standing Ovations..... Heute ist er 50 und statt einem brilliant pointierten Monolog aus Fame hört man nun oft „ich habe nicht einmal einen College-Abschluss“. Auch er hat sich jetzt einen Coach genommen. Tänzerin am Lido de Paris Susanne Frost Als „Jung-Star“ stand Susanne Ende der 1980er Jahre langzeit mit René Kollo und Eva Evdokimova an der Deutschen Oper Berlin auf der Bühne

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