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DANCE STARS Magazin | 02.2011

| 23DanceStars | Das Tanzmagazin aus Bremen Ob trainieren bei 40° wirklich so gesund ist, ist umstritten. Ganz si- cher ist es nicht für jedermann. Manche fühlen sich nach einer Stunde Hitze „wie traumatisiert“, andere sind begeistert. Ein Tänzer erzählte mir stolz, es war mit das Schwerste, was er in seinem Leben durchgehalten hat. Übrigens ist Bikram die eine Yogaform, die auch Männer ins Studio bringt. Viel- leicht liegt das an diesem „Iron Man“ - Gefühl. Man kommt nicht aus Spaß in die Folterkammer, eher aus einer etwas ma- sochistischen Lust am Leiden, am sich Verausgaben. Ich würde Bikram Yoga vielleicht als eine Art Kur empfehlen, für ein oder zwei Wochen, oder wenn man schnell abnehmen will - eine Stunde im Hotroom verbrennt bis zu 600 Kalorien! Auf längere Zeit ist jedoch die Erschöp- fung einfach zu groß. Wenn man danach noch einen Auftritt zu absolvieren hat, kommt man schnell an die Grenze des Möglichen. Wer schon immer einmal te- sten wollte, wo diese Grenze liegt, dem sei Hot Yoga „wärmstens“ empfohlen. Das Powerhouse Mit die ersten Besucher in Joseph Pila- tes‘ 1926 eröffneten New Yorker Studio waren George Balanchine und seine Kompanie. Die britische Primaballerina Darcey Bussell hat ihren Körper mit Pila- tes unterstützt. Viele Pilates-Lehrer sind Ex-Tänzer. Es gilt als das ideale Cross- Training, weil es genau das trainiert, was wir im Tanzkurs so schnell vernachlässi- gen: Eine starke Mitte. Der Fokus liegt auf der Bauch und Rücken- muskulatur, die, wenn richtig trainiert, die Wirbelsäule und so den ganzen Körper wie ein Korsett stützt. Pilates nennt diesen Bereich „Powerhouse“: Hier liegt unsere Kraft. Theoretisch sollte die Mitte beim Tanzen immer aktiv sein - und ist es eben oft nicht, denn für ein besseres Turnout, ein etwas höheres Bein, oder eine geradeso geglückte Drehung, opfern wir schnell das Powerhouse und brin- gen so den Körper in seinem Gleichgewicht in Gefahr. Beim Pilates lernt man, Muskelgruppen zu isolieren und ganz bewusst zu arbei- ten. Es ist ein sehr intelligentes, präzises Training, bei dem man schon ein gutes Körpergefühl braucht. Aber es gibt viele hilfreiche „Requisiten“, weiche Gymnastikbälle, verschieden große Rollen, die dabei helfen, Übungen richtig durchzuführen. Wie oft sieht man Tänzer völlig gedankenlos schnell 50 Sit-ups machen, ohne dass die Bauchmuskeln überhaupt engagiert sind. Pilates arbeitet mit der tiefliegenden Muskulatur und bil- det so lange schlanke Muskeln, genau wie wir sie als Tänzerinnen gern haben. Der Kör- per wird gekräftigt ohne aufgepumpt auszusehen. Unterstützt wird jede Bewegung von der ruhigen tiefen Atmung, die hier nichts spi- rituelles hat, sondern auf ganz logische Weise die jeweilige Bewe- gung unterstützt. Mit Kontrolle, Konzentration und Koordination erreicht man ein beinahe anatomisches Verständnis für Bewe- gungsabläufe, das nicht nur Spaß macht, sondern auch hochinter- essant ist. Angeboten werden mat classes, bei denen auf dem Boden trainiert wird und machine classes , bei denen an den spe- ziell entwickelten Pilates Maschinen gearbeitet wird, dem Reformer und dem Wall Unit. Der Reformer ist eine bewegliche Liege auf Schienen mit Federn, Zügen und Seilen, an dem man sehr vielsei- tig trainieren kann und den Widerstand an das Niveau der Schüler anpasst. Ürsprünglich als Rehabilitationsgerät für verletzte Solda- ten erfunden wird das Gerät heute auch in der Physiotherapie ver- wendet. Angeblich verbessern sogar Profigolfer wie Tiger Woods am Reformer ihren Schlag! Auch Skifahrer, Turner und Zirkusarti- sten nutzen Pilates. Falsche Bewegungsmuster werden entdeckt und korrigiert, die Muskelsymmetrie verbessert: Wer oft gleiche Chreografien tanzt oder eine stärker trainierte Seite hat, kann hier gegenarbeiten. Durch die angenehm kleinen Klassen (3 oder 4 Schüler maximal) kann man sehr effizient und individuell arbeiten. Ich habe wie viele Tän- zerinnen sehr trainierte Beine und einen unpro- portional schwachen Oberkörper. Die Profes- sorin bittet mich, eine Stange zum Körper zu ziehen, aber nicht mit den Armen, sondern mit dem kleinen Muskel hin- ter dem Schulterblatt. Und das geht tatsächlich! Man kann sich durch blo- ßes Konzentrieren prak- tisch in den Muskel hineindenken, ihn isolie- ren und ganz präzise nutzen. In solchen Mo- menten beginnt man zu ahnen, was alles im Tanz möglich wäre mit einer derart detaillierten Kör- perkontrolle! Generell ist Pilates ein Frauensport. Vielleicht haben Frauen von Natur aus mehr Rückenpro- bleme und schwächere Bauchmuskeln. Vielleicht schätzen sie einfach die ruhige konzentrierte Atmosphäre. Es ist wenig schweißtreibend, aber deshalb nicht weniger anstrengend. Die einfachen Matten- übungen kann man ideal in sein persönliches Warm up einfügen und überall, wo ein Meter Platz ist durchführen, zum Leistungser- halt zwischen Engagements oder im Urlaub. Und sicherlich auch nach Babypausen, denn es trainiert den Beckenboden. Mittlerweile gibt es sogar Ballettunterricht mit Pilates-Elementen und spezielle Reformer Kurse für Profitänzer. Das Angebot ist da, warum es nicht nutzen? Wir können nur profitieren! Natürlich ist das Tanztraining unersetzlich, hier üben wir genau das, was wir für unseren Beruf brauchen. Doch ein Blick über den Tel- lerrand lohnt sich! Aus jedem Kurs kann man neue Ideen mit- nehmen. Der Körper braucht genau wie das Gehirn öfter mal neue Impulse, um nicht in Routine zu verfallen. Was einem gut tut, muss jeder Tänzer für sich selbst entscheiden. Besonders in den Sommermonaten, wo viele Tanzschulen schließen, kann man mit sportlichen Alternativen experimentieren und her- ausfinden, was einem liegt. Wichtig ist, dass man trotz aller Vor- kenntnisse zunächst einen Anfängerkurs besucht, bis man die Grundlagen und die Atmung verinnerlicht hat, danach kann man in der Regel recht schnell zu Fortgeschrittenen Kursen übergehen.Yo- gastunden sind meist für alle Niveaus offen, daher sind die ersten Stunden für Anfänger oft nicht ganz einfach, später besteht auch hier eher die Gefahr der Routine, da sich die Positionen und Ab- läufe nie ändern. Abschließend scheint auch die Ausbildung zum Pilates-Instructor ein mittlerweile beliebter und bewährter Schritt in das Leben nach der Tanzkarriere zu sein. Und ein Auge auf die Zukunft, das sollten wir doch alle haben! F i t n e s s u n d T a n z » Wir arbeiten mit der tiefliegenden Muskulatur und bilden so lange schlanke Muskeln, genau wie wir sie als Tänzerinnen gern haben. « D