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DANCE STARS Magazin | 01.2011

| 29DanceStars | Das Tanzmagazin aus Bremen C ´ e s t P a r i s | D i e S t a d t d e r L i e b e u n d d e s S h o w t a n z e s MITTWOCH ---------------------- plumes et pailettes Ich habe heute für meine Schuhe neue Ab- sätze bekommen, sie sind noch ganz schön hart und unangenehm. Die alten hatte ich allerdings schon ziemlich runtergetanzt, vor allem an den Innenseiten - das gute alte coup de pied aus der Ballettschule ist schuld an meiner Fußhaltung! Wie bei allen Tanzschuhen gibt es nur eine sehr kurze Zeitspanne, in der der Schuh genau richtig ist, bevor man ihn vollends durchgetanzt hat. Unsere Highheels sind sehr teure Maß- anfertigungen und jedes Mädchen hat 10 oder 11 paar Schuhe, insofern wird bei uns geflickt, geklebt, neu angemalt und ge- schustert was das Zeug hält - bevor es wirklich nicht mehr geht und ein ganz neues Paar her muss. Auch an den Kostü- men muss ständig ausgebessert werden. Mein erster Schock als ich nach Paris kam waren die Ankleiderinnen. Das sind nicht die fleißigen, unermüdlichen guten Seelen, die ich aus Theatern in Deutschland kannte. Hier muss man schon drei mal fragen, bis etwas repariert wird, ihre Kostüme tragen die Tänzerinnen selber wieder nach unten in die Garderoben und für die großen plu- mes - die Federgestelle, die man nicht ohne Hilfe aufsetzen kann, stand ich oft genug mit deutscher Pünktlichkeit bereit, wärend die habilleuse noch seelenruhig etwas in ihr Handy tippte. Die Franzosen lassen sich eben Zeit. Meine neue Ankleiderin Melanie ist aber wirklich fantastisch. Sie hat es nicht leicht mit mir, denn ich habe zwar für fast alle Nummern meine eigenen Kostüme, aber manchmal werde ich für Plätze be- setzt, die ich nicht so oft tanze und dann muss sie losrennen und mir das richtige Kostüm besorgen. Mein Problem sind immer die Hüte. Ich habe einen wirklich ungewöhnlich kleinen Kopfumfang, deshalb muss ich in fast alle Hüte mousse, also Schaumstoff einlegen. Gerade die sehr schweren, sehr hohen Kopfputze müssen unbedingt richtig sitzen, sonst hat man sich schnell den Hals verrenkt. Für die ganz gro- ßen Hüte hat Melanie mir einen regelrech- ten Helm aus mousse genäht, den ich beliebig überall einsetzen und darunter tragen kann. Außen Glamour und Glitzer - innen Schaumstoff! DONNERSTAG ---------------------- le coeur qui danse Wir haben im Lido kein Kompanie-Training. Es gibt auch keinen Probensaal, wir arbei- ten immer direkt auf der Bühne. Natürlich wärmen wir uns vor der Vorstellung auf, aber jeder für sich auf seiner Yoga-Matte in der Hinterbühne. Vor dem Vorhang spielt dann schon die Band und die ersten Gäste bekommen ihr Menü serviert. Ein richtiges Training wäre also unmöglich. Darum muss sich jeder Tänzer selber kümmern. Ich gehe heute Nachmittag ins Studio Harmo- nic, das ist hier der Ort, wo alle die in Paris tanzen, sich treffen. Tanzen hat in Frank- reich einen ganz anderen gesellschaftli- chen Stellenwert und das Niveau ist hier unheimlich hoch, sowohl was die Professo- ren und Gastlehrer betrifft, als auch die „freien“ Tänzer, die hier trainieren. Ich komme hierher vor allem für die Seele. Manchmal geht mir das ewige Lächeln auf die Nerven. Was mich von Anfang an am Tanzen so fasziniert hat, war immer eher das Tragische, das Lyrische; Ich wollte ein Schwan sein, wollte Giselle sein, später habe ich Balanchine und Kylian verehrt. Die ganz große Kunst ist nicht jedem vergönnt: Und auch wenn ich denke, dass Show ihre ganz eigenen, ebenfalls hohen Anforderun- gen hat und definitiv auch Respekt verdient, fehlt es mir manchmal, dieses „mit ganzer Seele tanzen“. Und das finde ich hier. Mein Lieblingslehrer ist im Moment Hugues Sal- gas der „Lyrical Jazz“ unterrichtet. Ich liebe seine Musik, die fließenden Bewe- gungen, all die Geschichten, die mir dazu einfallen. Hier fühle ich mich wieder als Tänzerin, als Künstle- rin, nicht mehr nur das Showpony, das ein Pensum erfüllen, ein Repertoire ab- spulen muss. Natür- lich ist das Lido ein Uhrwerk, in dem jedes Teilchen, jeden Abend funktionieren muss. Wenn mir von Zeit zu Zeit die Emo- tionen fehlen, gehe ich zu Hugues. Und er freut sich immer, wenn ich da bin, macht dann ein ern- stes Gesicht und fragt mitleidig: „Heute abend wie- der 2 Shows?“ und dann schauen die an- deren Kursteilneh- mer zu mir rüber mit großen Augen und das fühlt sich ehrlich gesagt dann wieder richtig gut an. Heute abend trabt das Showpony schon wieder viel munterer. FREITAG ---------------------- mal au dos Ich habe heute ein Rendezvouz bei Cathi, unserer Kine. Was die ganze Welt Physiothe- rapie nennt, heißt bei den Franzosen Kinesi- therapie, oder eben kurz Kine. (Die Franzosen lieben solche Abkürzungen, sie sagen auch cine statt cinema, resto statt re- staurant, und, mit der schönste Name, wie ich finde, „Lulu“ zum Louvre!) Cathi kommt immer am Freitag und jeder, der Bedarf hat, kann sich vorher bei ihr anmelden. Ich habe ab und zu Probleme mit dem Rücken. Oben in Schultern und Nacken setzt sich bei mir gern der Stress fest und unten im Kreuz habe ich einen alten Knochenbruch kurz überm Steißbein, der sich immer mal wie- der meldet. Cathi ist unsere Rettung. Als ich noch ganz neu war und gar kein Französisch konnte, habe ich mich nach einigen vergeb- lichen Handzeichen stumm auf ihre Liege gelegt und sie hat mit ihren Wunderhänden ein bisschen hier und da gedrückt und so- fort gefunden, was ich nicht erklären konnte. Heute fällt mir das Französisch leichter, aber es ist nach wie vor ein Segen, jemanden zu haben, der unseren Beruf kennt und ver- steht, jemand, der weiß, wie hoch die Ab- sätze sind, wie schwer die Hüte, wie sehr die Knie belastet werden und dass wir Krankschreibungen immer auch einschließ- lich der Sonntage brauchen. Wir stehen schließlich jeden Tag auf der Bühne. Wo- chenenden gibt es nicht. Wenn einmal wirk- lich etwas Akutes ist, ein Unfall, eine wirklich böse Verletzung, dann findet Cathi auch immer einen Termin in ihrer Praxis, egal wie